Reformvorschläge der RentenkommissionHandwerk sieht Licht und Schatten
Die Rentenkommission hat einen umfangreichen Vorschlag zur Zukunft der Altersvorsorge vorgelegt. Mit 33 Empfehlungen soll das Rentensystem angesichts des demografischen Wandels langfristig stabilisiert werden. Vorgesehen sind unter anderem Änderungen bei Mini- und Midijobs, eine stärkere kapitalgedeckte Vorsorge sowie eine breitere Finanzierung der gesetzlichen Rente. Im Handwerk werden die Reformvorschläge grundsätzlich als wichtige Diskussionsgrundlage gesehen – allerdings nicht ohne Kritik.
Erwin Weber, Obermeister der Bäcker-Innung Allgäu und Inhaber eines Bäckereibetriebs mit 22 Beschäftigten, bewertet die Arbeit der Kommission zunächst positiv. „Endlich ein Vorschlag, der nicht schon im Vorfeld durchgestochen wurde und einheitlich von den beiden Koalitionspartnern vertreten wird“, sagt Weber. Das allein sei „bemerkenswert“.
„Minijobs unverzichtbar“
Kritisch sieht Weber jedoch die mögliche Abschaffung von Miniund Midijobs. In seinem Betrieb arbeiten sieben Beschäftigte auf Minijob-Basis. Gerade im Verkauf oder bei unterstützenden Tätigkeiten seien solche Beschäftigungsverhältnisse unverzichtbar. „Für manche Branchen ist das sogar fatal“, warnt Weber. Viele Minijobber seien nicht auf ein höheres Einkommen angewiesen, etwa weil der Ehepartner bereits den Hauptverdienst erwirtschafte. Wenn künftig Sozialabgaben und Steuern in vollem Umfang anfielen, könne in diesen Fällen „nur noch etwas mehr als die Hälfte des Bruttoverdiensts übrig“ bleiben.
Auch bei der Diskussion über ein höheres Renteneintrittsalter mahnt Weber: „Es gibt nun mal Berufe, die körperlich stark fordern und anstrengend sind. Dann muss nach 45 Beitragsjahren Schluss sein.“ Positiv bewertet er die Idee einer zusätzlichen Kapitalrente sowie Überlegungen, das Rentenund Pensionssystem langfristig stärker zusammenzuführen.
Ähnlich differenziert fällt das Urteil von Albert Kohl aus. Der Inhaber des SHK-Betriebs Kohl Wasser & Wärme in Bobingen hält Reformen für unverzichtbar. „Die Alterssicherungskommission hat mit 33 Empfehlungen einen ambitionierten Reformvorschlag vorgelegt“, sagt er. Angesichts der demografischen Entwicklung gebe es keine Alternative zu Veränderungen.
"Es gibt nun mal
Berufe, die
körperlich
anstrengend
sind. Dann muss
nach 45 Beitragsjahren Schluss
sein.“
Erwin Weber
Obermeister Bäckerinnung Allgäu
„Aus der Vogelperspektive“
Gleichzeitig befürchtet Kohl zusätzliche Belastungen für kleine und mittelständische Unternehmen. Viele Vorschläge würden „massive Mehrkosten und erheblichen Verwaltungsaufwand“ verursachen. Die Kommission denke teilweise „mehr aus der Vogelperspektive als aus der Perspektive derer, die jeden Monat Löhne zahlen und Sozialversicherungsbeiträge abführen“. Besonders kritisch bewertet auch er die Abschaffung von Mini- und Midijobs. Stattdessen plädiert Kohl dafür, die bestehenden Beschäftigungsformen zu erhalten und sie stärker in die Altersvorsorge einzubeziehen. Zustimmung findet bei ihm zudem eine stärkere Einbeziehung von Beamten in die Finanzierung des Rentensystems. „Es darf keine Zwei-Klassen-Gesellschaft geben, bei der die einen einzahlen und die anderen nicht“, sagt der Unternehmer.
Beim Renteneintrittsalter verweist Kohl auf die körperlichen Belastungen vieler Handwerksberufe. „Wer davon ausgeht, dass ein Installateur bis 68 oder gar 70 auf der Baustelle arbeiten kann, hat noch nie eine Baustelle gesehen“, erklärt er. Für besonders belastende Berufe seien Ausnahmeregelungen notwendig.
"Das eigentliche
Problem ist nicht,
dass die Renten
zu niedrig sind,
sondern dass
die Nettolöhne
zu niedrig sind.“
Albert Kohl
Kohl Wasser & Wärme
GmbH, Bobingen
Thema Einkommenssteuer
Einig sind sich beide Unternehmer auch bei einem weiteren Thema: Neben einer Rentenreform brauche es dringend eine
Reform der Einkommensteuer. Weber fordert „mehr Netto vom Brutto“ und hält eine Überarbeitung des Steuersystems für längst überfällig. „Gerade bei der Einkommenssteuer ist in vielen Jahren einiges in Schräglage gekommen. Also: dringend reformieren!“, sagt er.
Kohl sieht darin sogar einen entscheidenden Faktor für den Arbeitsmarkt. „Das eigentliche Problem in Deutschland ist nicht, dass die Renten zu niedrig sind, sondern dass die Nettolöhne zu niedrig sind“, betont er. Eine spürbare Entlastung würde Beschäftigten mehr Kaufkraft verschaffen und zugleich die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe stärken.
Realitätsnähe wichtig
Trotz aller Kritik zollen beide Handwerksunternehmer der Rentenkommission Respekt für ihre Arbeit. Ihre zentrale Botschaft: Die Reform des Rentensystems ist notwendig, sollte aber so ausgestaltet werden, dass die Realitäten kleiner und mittlerer Handwerksbetriebe angemessen berücksichtigt werden.