Immer mehr Jugendliche ohne AbschlussWarnsignal für Bildungsqualität
Die Zahl der jungen Menschen, die die Schule ohne Abschluss verlassen, ist in Deutschland erneut deutlich gestiegen. Nach aktuellen und neu ausgewerteten Daten des Statistischen Bundesamts beendeten im Schuljahr 2024/2025 rund 65.000 Jugendliche ihre Schulzeit ohne Abschluss. Vor zehn Jahren waren es noch 47.400. Damit liegt die Quote der Schulabgänger ohne Abschluss inzwischen bei 8,4 Prozent und erreicht den höchsten Stand der vergangenen 20 Jahre.
Für die Handwerkskammer für Schwaben sind diese Zahlen ein weiteres Warnsignal. Sie verdeutlichen die Schwierigkeiten im deutschen Bildungssystem, auf die bereits die jüngste PISA-Studie hingewiesen hat. Die Untersuchung zeigte, dass die Leistungen deutscher Schülerinnen und Schüler in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften deutlich nachgelassen haben und lediglich noch im OECD-Durchschnitt liegen.
Ergebnisse sind alarmierend
„Die Ergebnisse sind alarmierend und dürfen nicht länger relativiert werden“, sagt Ulrich Wagner, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für Schwaben. „Wenn immer mehr Jugendliche Schwierigkeiten beim Lesen, Rechnen oder beim Erfassen komplexerer Zusammenhänge haben, wirkt sich das unmittelbar auf ihre Ausbildungsfähigkeit und ihre beruflichen Chancen aus. Das spüren die Handwerksbetriebe schon heute.“
Gleichzeitig sollte die Situation in Bayern aber nicht mit dem bundesweiten Durchschnitt gleichgesetzt werden. „Bayern gehört gemeinsam mit Sachsen seit Jahren zu den leistungsstärkeren Ländern in nationalen und internationalen Bildungsvergleichen. Dennoch können wir uns auf diesen Ergebnissen nicht ausruhen. Auch hier sehen wir Defizite bei den Grundkompetenzen, die wir sehr ernst nehmen müssen“, so Wagner.
„Ausbildung erfordert weit mehr als praktisches Geschick“
Besondere Sorge bereitet dem Handwerk, dass die Zahl der Jugendlichen wächst, die die Schule ohne ausreichende Basiskompetenzen verlassen. Viele Ausbildungsbetriebe berichteten bereits heute von Schwierigkeiten in den Bereichen Sprachverständnis und Mathematik, aber auch bei der Konzentrationsfähigkeit. „Eine Ausbildung im Handwerk erfordert weit mehr als praktisches Geschick“, sagt Wagner. „Wer technische Zeichnungen lesen, Aufmaße berechnen, Sicherheitsvorschriften verstehen oder digitale Anwendungen nutzen soll, braucht solide Grundkenntnisse. Diese Grundlagen müssen in der Schule gelegt werden.“
Vor diesem Hintergrund bewertet die Handwerkskammer für Schwaben die von Kultusministerin Anna Stolz angestoßene Reform der Mittelschule, die in diesem Schuljahr bereits greift, positiv. Die geplante stärkere Förderung von Basiskompetenzen, mehr Praxisbezug und eine engere Zusammenarbeit mit der Wirtschaft seien wichtige Ansätze. Entscheidend werde jedoch sein, ob den Ankündigungen auch konkrete Verbesserungen folgen.
Fokus auf Mittelschule
„Die Reform setzt an den richtigen Stellen an. Sie kommt aber nicht deshalb zur richtigen Zeit, weil alles gut läuft, sondern weil die Probleme längst sichtbar sind“, betont Wagner. „Jetzt muss es darum gehen, die Mittelschulen tatsächlich zu stärken und ihnen die Ressourcen zu geben, die sie dafür benötigen.“
Aus Sicht der Handwerkskammer kommt der Mittelschule eine Schlüsselrolle für die berufliche Bildung und die Fachkräftesicherung zu. Ein großer Teil der Auszubildenden im Handwerk absolviert diesen Schulzweig. Umso wichtiger sei es, die Schulen personell und finanziell besser auszustatten sowie die Berufsorientierung weiter auszubauen.
„Die Mittelschule ist ein zentraler und wichtiger Partner des Handwerks“, erklärt Wagner. „Wer den Fachkräftemangel bekämpfen will, muss die Mittelschulen stärken. Dort werden viele junge Menschen auf ihren weiteren Bildungs- und Berufsweg vorbereitet. Wenn wir ihre Chancen verbessern wollen, dürfen wir uns mit mittelmäßigen Ergebnissen nicht zufriedengeben.“
Die jüngsten PISA-Ergebnisse müssten deshalb als Auftrag verstanden werden, die Qualität der Bildung wieder stärker in den Mittelpunkt zu rücken. „Deutschland diskutiert seit Jahren über die gleichen Probleme. Jetzt braucht es konsequentes Handeln. Gute Bildung ist die Grundlage für eine starke duale Ausbildung, wirtschaftlichen Erfolg und gesellschaftliche Teilhabe“, so Wagner.